NZZ am Sonntag, April 2007
Zeitreisen Spezial

Die Frau mit dem Blick für die Details

Von gestern ist nur ihre Berufsbezeichnung. Die Gouvernante sieht alles, hört alles und ist stets im Dienste des Gastes.

Wer zu Gast in einem Grand-Hotel ist, bewegt sich durch eine exotische Welt, deren Feinmechanik ihm verborgen bleibt. Im schönen Schein versteckt gibt es ein zweites Hotel der Zimmermädchen und Portiers, der Näherinnen und Bügelfrauen, der Floristinnen und Kofferträger. Geheime Türen, verborgene Aufzüge führen in die Refugien derer, die still am grossen Stil arbeiten. Das Strukturprinzip dieses Reichs ist die «Etage», sein Zentrum jene Führungskraft, die im Deutschen «Hausdame» heisst. Das Französische ist klarer: «gouvernante generale».

Samantha Polgar ist die Gouvernante Generale im Lausanner 5-Sterne-Hotel Beau-Rivage Palace. Ihr blondes Haar fällt natürlich, ihr Make-up ist unsichtbar, an den Ohren trägt sie schlicht zwei makellose Perlen. Die 37-jährige Tessinerin ist mit 54 Angestellten verantwortlich für das Wohlgefühl der Gäste in 169 Zimmern, davon 33 Suiten. Ihr Lächeln sagt mehr als ihre Visitenkarte. Es kann herzlich einladen und dabei Grenzen ziehen, es ist mütterlich verstehend und von der Kombinationsgabe eines Hauptkommissars.

Radikale Genauigkeit

Niemand kennt das Hotel so gut wie sie. Vertraut sind ihr seine exzentrischen Orte wie die Gewächshäuser für die Orchideen oder der Hundefriedhof im Park (Colettes Liebling liegt hier begraben). Aber auch die Flure, Treppenhäuser, Säle nimmt sie mit einer professionellen Sensibilität für Oberflächen, Gerüche, Farbabweichungen wahr. Und sie ist die Herrscherin über den intimsten Stoff jedes Hotels, die Wäsche. Im Untergeschoss arbeitet weiss gewandet Salvatore für sie unter einem Himmel von pfirsichfarbenen Bademänteln. Er ist seit 27 Jahren im «Beau Rivage»; Samantha seit 1o Jahren. Beide verbindet die Wertschätzung radikaler Genauigkeit. Salvatore rangiert hohe Metallwagen, die mit Frotteetüchern beladen sind, und notiert Zahlen. Samantha lässt die saubere Wäsche wiegen, damit sie sieht, ob nichts verloren gegangen ist. Sie hat herausgefunden, dass die schmutzige Wäsche im Schnitt 0,43 Prozent mehr wiegt als die saubere. Salvatore fährt über einen Stapel von Tischtüchern, als prüfe er eine Hautkrankheit. Und Samantha sieht einen Streifen, wo keiner sein soll. Sie greift zum Handy. Zwar gibt es in der Reinigung grosse Bügelmaschinen, die zugleich falten können. Diese Maschinen hinterliessen aber Druckstreifen. Deshalb lasse das «Beau Rivage» die Tischwäsche mit einer kleinen Bügelmaschine bügeln und bezahle lieber das Falten von Hand. So zart traktierte Tücher kosten Samantha 4 Franken das Kilo. Und wenn sie das schon bezahle, wolle sie keine Streifen. Samantha hat die Nummer der Reinigung gewählt und geht, ins Handy sprechend, weiter. Sie streicht über einen Stapel von Servietten, gewaschen, gebügelt, gefaltet, gewogen, geprüft. Ein speisender Gast, der sich den Mund abtupft, weiss nichts von Samanthas Nuancen. Vielleicht aber spürt er sie.

Hier im Untergeschoss liegen die verschiedenen Küchen, eine Rolltreppe führt hinauf zum Restaurant mit dem Michelin-Stern. Samantha wirft einen Blick auf die Rollwagen, die den Imbiss auf die Zimmer bringen. An einem Metalltisch entstehen unter den schmalen Fingern von Gracia, einer der drei Floristinnen des Hauses, Bouquets und Sträusse für die Hallen und Treppenhäuser und die Rosengrüsse zum Willkommen. Morgen wird eine vorderasiatische Königstochter erwartet, von der man weiss, dass sie Blumen liebt. Samantha wird das bei der Bereitung ihrer Suite berücksichtigen lassen.

Nebenan im Hotel-Depot räumt Christina, die für die Sauberkeit in den nichtöffentlichen Räumen zuständig ist, in Trainingshosen Trödel auf. Hier lagert der Luxus vergangener Tage, mannshohe Kerzenständer, Plüschsessel, Vortragspulte, Brokatballen. Ein mit Troddeln verziertes Sofa könnte aus der Gründungszeit des «Beau Rivage», 1861, stammen, eine Jugendstillampe aus dem Jahr 1908, als der zweite Hotelkomplex, das «Palace», entstand.

Alles, was vom geniessenden Blick des Gastes getroffen wird, hat Samantha Polgar bereits gesehen. In der Bar Anglais prüft sie den Glanz der Messingstangen zum Aufstützen der Füsse, sie bemerkt einen beschlagenen Spiegel in der «Salle Sandoz». Im Saal der Rotonde, der die beiden Komplexe «Beau Rivage» und «Palace» verbindet, hat die Wand Flecken, das wird man sehr vorsichtig restaurieren müssen. Draussen auf der Terrasse sind die Holzbohlen nach der Dampfstrahlreinigung aufgeraut. Sie spricht mit dem Gärtner und telefoniert gleichzeitig mit dem Bademeister, die beiden müssen sich den Wasseranschluss teilen. Danach schreitet sie die blütenbestreute Reinheit des Spa-Bereichs ab.

Die Paar-Kontrolle

Ein Hotel ist eine fluktuierende Zone. Sie bedarf täglich ausgefeilter Dienstpläne für die 24 Zimmermädchen und Portiers, die in vier Schichten auf zehn Etagen arbeiten. Bei Arbeitsbeginn stecken sie sich ein hoteleigenes Handy ein und sind erreichbar. über vier Gouvernanten läuft die Logistik bei Samantha und ihrem Computer zusammen. Ein Zimmer nach der Abreise ist ein Zimmer vor der Ankunft; es muss anders behandelt werden als ein Zimmer, in dem ein Gast länger bleibt. Samantha lässt gerne Ehepaare auf einer ihnen fest zugeteilten Etage arbeiten; Paare identifizierten sich mit ihren Räumen und kontrollieren sich automatisch gegenseitig.

Im «Beau Rivage» sieht sich Samantha als Teil einer grossen Familie. Arbeitsjubiläen von 20 oder 30 Jahren sind nicht selten. Und in der Hotelerfahrung der Alten liege die beste Schule der Jungen. Ein Budget von i Million Franken pro Jahr steht ihr zur Verfügung, dazu kommen die Löhne. Ihr Tag hat zehn Stunden und mehr. Aber jeder Tag sei anders. Für Stammgäste hat sie Dossiers angelegt, die festhalten, wer welche Matratze wünscht und wie viele Extra-Kissen, und dass der eine keinen blauen Fax in seinem Zimmer stehen haben möchte, sondern nur einen weissen, und wieder einer erwartet einen Tisch im Badezimmer oder nur eine Wolldecke im Bett. Und wenn ein Ehepaar aus Paris einen Lastwagen mit Zoo Koffern vorausschickt, sind sie bei der Ankunft ausgepackt, und die Kleider hängen frisch aufgebügelt in den eigens für sie angemieteten und freigeräumten Zimmern. Nicht jede Exzentrik in einem Grand-Hotel ist zu erklären. Und eine Gouvernante Generale ist zu diskret, um alles zu sagen.

Angelika Overath

 

Zu dieser Ausgabe

«Zeitreisen» ist ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus entstanden ist. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der «NZZ am Sonntag» Die Auswahl der Themen und die Verfassung der Beiträge oblag der Redaktion.

Mit dem Projekt Zeit reisen soll die Schweiz mittels historischer Erlebnisse erfahrbar werden.' Sie präsentiert sich geschichtsträchtig und modern zugleich. Dazu gehören u. a. historische Hotels, die Tradition und modernen Lifestyle neu interpretieren, genauso wie die wieder im Trend liegende Selbsterfahrung auf dem Jakobsweg. (sue.)

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