NZZ am Sonntag, April 2007
Zeitreisen Spezial

Auf diese Arche rettet sich die Eleganz

Das Hotel Waldhaus in Sils Maria ist eine Legende. Ein Erlebnis für Augen und Ohren.

Wie eine Arche Noah liegt das Hotel Waldhaus da - gestrandet auf einem Felsen über Sils Maria. Der Schiffsrumpf sieht von aussen etwas klobig und abweisend aus. Innerlich ist er von einem warmen Cachet erfüllt, strahlt Noblesse aus und die Würde einer lange versunkenen Zeit. Jeden Tag, Punkt 16 Uhr, spielt eine dreiköpfige Bordkapelle - unbeirrbar wie das Salonorchester der «Titanic».

Aber keine Angst: Dieses Schiff geht so schnell nicht unter. Statt in wahnhaftem Fortschrittsglauben wie die «Titanic»-Crew üben sich die «Waldhaus»-Kapitäne Urs Kienberger sowie Felix und Maria Dietrich in Zurückhaltung: So gradlinig wie möglich steuern sie ihr Schiff gegen den Strom der Zeit. Das Checkout-Büro heisst hier «Caisse» - als sei Französisch immer noch die Weltsprache der Aristokratie - und ist möbliert mit massiven Schreibtischen aus der Belle Epoque, von denen eine falsch deponierte Füllfeder sofort hinunterkullert. Praktisch sieht das nicht aus. Schön auf jeden Fall.

So rettet die Arche «Waldhaus» eine Eleganz durch die Zeit, die nicht mehr von dieser Welt scheint. Eine Eleganz, die in den Stuckatur Decken der 155 Zimmer und in den Wanduhren sichtbar ist und die die Bordkapelle, das slowakische Trio Farkas, jeden Tag zum Klingen bringt: Drei Männer (Klavier, Geige, Cello) spielen zum Tee auf. Dabei, sagen sie, wollten sie «niemanden stören». Aber gross wäre die Leere, die entstünde, wenn sie die Koffer packten. Es ist ihr Los, immer weiterzuspielen, im Dreivierteltakt, als letztes Orchester seiner Art (jedenfalls in der Schweiz).

Oder nehmen wir Teresita Carreiio. Das Klavier-Wunderkind aus Venezuela gab in den 1860er Jahren Abraham Lincoln ein Ständchen. Aber was wüsste die Nachwelt noch von ihrer sagenhaften Fingerfertigkeit, wenn das «Waldhaus» nicht diese Lochstreifen-Kopie besässe? Beethoven, «Waldsteinsonate», aufgenommen i9o6, abzuspielen auf dem Welte-Mignon-Piano im Empire-Saal. Aber nur im Sommer, wenn der Papierstreifen nicht Gefahr läuft, an der trockenen Höhenluft zu reissen. Lochstreifen und Welte-Mignon-Piano (ein Klavier-Automat ohne Tasten) galten vor 100 Jahren als das Zaubermittel, um der Vergänglichkeit des musikalischen Spiels ein Schnippchen schlagen. Schallplatten-Vorläufer und Trichtergrammophone gab es damals zwar auch schon. Aber sie kratzten so entsetzlich, dass die Virtuosen ihr Spiel lieber auf Lochstreifen stanzen liessen. Inzwischen zerfallen diese Lochstreifen weltweit zu Staub. Nur im «Waldhaus» werden sie noch regelmässig abgespielt. Nächstes Jahr wird das Hotel Zoo Jahre alt. Hat es sich gar nicht verändert? «Wenn wir das Schreibzimmer, so wie es immer war, um elf Meter verschieben, merkt das kein Mensch», sagt Felix Dietrich. Pro Jahr gebe das Waldhaus drei Millionen Franken für bauliche Neuerungen aus. Gelungen seien sie dann, wenn die Gäste lobten, es bleibe alles gleich. «Das ist ein grosses Kompliment», sagt Co-Direktor Kienberger.

Martin Helg

Hotel Waldhaus, 7514 Sils Maria,
Tel. 081 838 51 00
www.waldhaus-sils.ch,
EZ ab 245, DZ ab 470 Franken.

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