hotel tourismus revue, Januar 2007
Hotellerie und «Belle Epoque» Schweizer Hotels trafen den Lifestyle

Der Boom und die konzeptionelle Blütezeit am Start der Schweizer Hotellerie profitierten vom neuen Lifestyle in der Welt der «Belle Epoque». Von 1880 bis 1912 verdreifachte sich die Zahl der Schweizer Gästebetten auf 211000: die Grundlage der heutigen Kapazität.

Karl Josef Verding

In der Geschichtsschreibung ist die «Belle Epoque» kein einheitlich festgelegter Begriff. übereinstimmung besteht aber darin, dass kulturgeschichtliche Daten wie die Eröffnung des Pariser «Moulin Rouge» (1886) und die Gründung der Münchner Zeitschrift «Die Jugend» (1896) - der Namensgeberin für den Jugendstil - einige Kernelemente dieser Epoche präsentieren: nämlich erstens den überdruss am Traditionellen in Kunst, Architektur und Alltag. Eine neue Lust, ein neuer Lebensgenuss und der Sinn für Aussergewöhnliches und Sensationelles erwachten. Die Fortschritte in Wissenschaft, Technik und gesundheitlicher Prävention, sowie die nach der zweiten industriellen Revolution erreichten Verbesserungen sozialer, finanzieller und politischer Natur inmitten einer langen Phase des Friedens, verbunden mit staatlicher Neukonstitution vieler Länder, sorgten dafür, dass sich der Wohlstand mehrte und ein Zukunftsglaube und Optimismus sich verbreiteten.

Bisher Unerhörtes gab es auch von den neu erforschten Bewusstseinsebenen der Geschlechter zu vernehmen - für das Ohr von Sigmund Freud, dem Wiener Neurologen und Begründer der Psychoanalyse. Sein pessimistisches Zwischen-Resumé gipfelt allerdings in dem Satz: «Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.»

«Heimatschutz»: Engländer gegen Matterhorn-Bergbahn

Das Reisen wurde schneller und für breitere Kreise erschwinglich. Ausserdem wurde es durch ein neues Packaging vereinfacht. Die Eisenbahn bekam statt Eisen- nun Stahlschienen, auf denen längere und schwerere Züge eineinhalb Mal schneller fahren konnten; sie wurden zum wichtigsten Verkehrsmittel.

Die ersten Schweizer Eisenbahnlinien führten zielstrebig in die damaligen Zentren des Fremdenverkehrs, nach Thun und Luzern. In den 1890er Jahren stiessen sie dann in zahlreiche Alpentäler vor. Auf dieser Basis begann der Boom der Bergbahnen - und es wurden Schienen- und Kabel-Projekte bis hinauf zum Matterhorn-Gipfel entwickelt. Die englische Sektion des Schweizer Heimatschutzes spendete für die Bekämpfung des Matterhorn Projekts 250 Franken.

Der Engländer Thomas Cook hatte im Jahr 1856 zum ersten Mal eine Reisegruppe auf den europäischen Kontinent geführt - an die Pariser Weltausstellung. 18.63 veranstaltete er die erste geführte Reise durch die Schweiz.

Nicht mehr nur adelige und grossbürgerliche Gäste fanden sich nun in der expandierenden Schweizer Ferienhotellerie ein.

Kaufkraft: 60% Lohnanstieg, Konsumpreise minus 6,5%

In England stiegen zwischen 1850 und 1890 die Nominallöhne um mehr als 60%, während gleichzeitig die Konsumentenpreise um 6,5% fielen. Neue Gesellschafts-Schichten konnten sich nun die Schweiz-Reise leisten.

Der erste grosse Hotel-Bauboom der Schweiz fand in den Jahren zwischen 1860 und der Mitte der 1870erJahre statt. Die Zahl der Betriebe in den vom Tourismus erschlossenen Gebieten wurde binnen 15 Jahren im Durchschnitt mehr als verdoppelt. Neue Orte wie Spiez und Vitznau kamen hinzu. Die durchschnittliche Bettenzahl stieg etwa in Montreux von unter 40 vor 1860 bis 1875 auf knapp 80. Die Hotel Baukörper dieser Zeit wurden immer nach dem gleichen Prinzip geschichtet: über dem markanten, in Relation zu den anderen Stockwerken überhöhten Erdgeschoss befand sich das meistens als Bel-Etage ausgebildete erste Obergeschoss. Es enthielt die vornehmeren Zimmer.

Um 1870 gab es eine wichtige Veränderung im Trend der Gestaltung der neu gebauten Schweizer Hotels, und zwar in Richtung eines Historismus. Elemente der Renaissance und des Barock verbreiteten sich.

Nach Wirtschafts-Kollaps wieder intensive Bautätigkeit

Der wirtschaftliche Einbruch in der Mitte der 1870er-Jahre unterbrach den Boom. Um 1885 hatte sich die Hotellerie in der gesamten Schweiz aber so weit erholt, dass eine neue Phase von intensiver Bautätigkeit für Neubauten und Erweiterungsbauten einsetzte.

In Luzern zum Beispiel zählte man im Jahr 1895 insgesamt 308000 übernachtungen, 1900 waren es 435000, 1910 über 575 000 - also fast eine Verdoppelung innerhalb von 15 Jahren. In den wichtigsten Schweizer Tourismusgebieten brach der Bau-Boom bis zum Ersten Weltkrieg nicht mehr ab.

Bis 1900 dominierte in den Hotel-Neubauten die historisierende Architektursprache zwischen Neorenaissance und Neobarock; ab 1900 schien dann der Reichtum an Formen, Farben und Architekturelementen fast unbegrenzt zu sein.

Fachwerkbauten in ländlicher Prägung oder Bauten im Schweizer Holzstil der Zeit - auch «Zimmermannsgotik» genannt - hatten ihren Erfolg neben den grossen Hotelpalästen.

zurück