hotel tourismus revue, Januar 2007
Roland Flückiger «Ein sensationeller Effekt wurde ausgelöst»

Der Berner Denkmalpfleger und Initiator der Icomos Auszeichnung «Historisches Hotel / Historisches Restaurant des Jahres» hat den Schweizer Tourismus der Gründerzeit und die Hotelkonzepte und -bauten der Epoche erforscht und dazu Standardwerke veröffentlicht.

Karl Josef Verding

Profitiert die «Belle Epoque» vom Bedürfnis nach Selbst-Adelung des neuen Gross-bürgertums auf dem Laufsteg der Grandhotels, unter einem Dach mit dem echten europäischen und russischen Adel?

Der Aufenthalt in einem Grandhotel oder sonst einem grossen Hotel der Belle Epoque war in der Tat ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer gewissen Schicht, und wenn man aus dem Bürgertum dort hingelangen konnte, war das ein Erfolgserlebnis.

Wurde hier der Wunsch nach grosser Repräsentation wenigstens in den Ferienaufenthalten befriedigt?

In gewissem Masse schon. Aber das 19. Jahrhundert war auch sehr stark durch die Romantik und ihre Rückbesinnung auf die Natur geprägt - man verliert die Angst vor den Bergen, geht an den lieblichen See, um zu lustwandeln, besucht Gletscher und Wasserfälle.

Gaben die Hotel-Burgen den ersten Alpen-Gästen das Gefühl von Sicherheit gegenüber dem Drama der Natur?

Ja, das ist eine treffende Charakterisierung. Die ersten Hotels in den Alpen waren noch einfache Häuser mit etwas vornehmerer Ausstattung als Alphütten, und durch Steinbau von ihnen unterschieden. Dann hat sich die Berg Hotellerie um 1900 hin zu der Charakteristik von Burgen entwickelt. Die Hotel-Burgen geben ein Bild der Eroberung der Alpen und der Befestigung. Das verläuft im Gegensatz zur allgemeinen Entwicklung jener Zeit: Es ist Tourismus-Architektur.

War der Lebensreform-Trend der Belle Epoque ein Treiber zum Boom?

Von gesunder Prävention hat man im 19. Jahrhundert nicht so stark gesprochen. Aber einige Tourismusorte verdanken ihre Entstehung der Rehabilitation nach Krankheiten - etwa der Lungenkurort Davos. Er war einer der Ausgangspunkte des Bündner Tourismus. Das Westschweizer Pendant ist Leysin. Dieser Resort mit seinen Sanatorien wurde gegründet, damit man die lungenkranken Touristen von Montreux wegspedieren konnte. Die ganze Anlage mitsamt der Bahn von Aigle hinauf war eine Aktiengesellschaft, die von Hoteliers aus Montreux finanziert und initiiert wurde.

Passte der neue Wintersport zu einem Gesundheits-Trend jener Zeit?

Die Eisenbahn hat vielerorts die Entwicklung richtig in Schwung gebracht. Aus der Bahn von Landquart nach Davos entstand die Rhätische Bahn. Die Bahn nach Davos wurde auf Initiative des Kurhaus-Besitzers gebaut, eines Holländers, der sich in Davos niederliess, das konkursite Kurhaus übernahm und daraus ein blühendes Unternehmen machte. Ein anderer wichtiger Faktor der Entwicklung war tatsächlich der Wintersport, der vom Gesundheitstrend profitierte. Mit der Wintersonne der «zweiten Saison» hat man beispielsweise die Engländer aus ihren nebelverhangenen Metropolen und Fabrikstädten geholt. Das Sonnen Motiv - Licht und Sonne - wurde dann immer stärker im Marketing. Und eben im Zusammenhang mit Wintersport.

Entsprachen die Hotels und Bergbahnen der Lust am Aussergewöhnlichen und Sensationellen?

Das Sensationelle lag ja schon im Besteigen der Berge. Die Bergsteigerei bot Aussergewöhnliches bis hin zu den Skandalen, den Unfällen; der Absturz der Seilschaft Whympers am Matterhorn hat die ganze Welt bewegt, Die Entwicklung der Bergbahnen hat einen grossen, sensationellen Effekt ausgelöst und das Bergsteigen für die Masse ermöglicht. Vor 1870 war Bergsteigen etwas für Mutige und Besser-Trainierte, die sich Bergführer leisten konnten. Nach 1870 muss man sich nur noch eine Bergbahn-Fahrkarte leisten.

Es ist auffällig, dass in jener Zeit die Stilzitate aus der Renaissance und aus dem Barock sehr beliebt sind - warum?

Die Hotelgeschichte hat ja «nur» - in Anführungszeichen - die Architekturgeschichte nach-gemacht und mitvollzogen. Im 19. Jahrhundert kommt nach den klassizistischen Gestaltungen bis etwa 1830 die ganze Architekturgeschichte unter dem Oberbegriff Historismus zurück. Es beginnt mit der Gotik, die ganz stark aufkommt in den 1830er-/ 1840er-Jahren, bezeichnenderweise aus England, als Neugotik. Die meisten englischen Kapellen in der Schweiz haben neogotische Stile. Und dann erscheinen Elemente aus der Renaissance und dem Barock, der Hotelbau schliesst sich eigentlich nur diesem Trend an.

«DIE INTELLIGENTEN HOTELIERS HOLTEN DIE GäSTE SELBER AB.»

Die englischen Italien-Reisenden des 18. Jahrhunderts liessen an ihren Sänften und Kutschen die Vorhänge herunter, um die grobe Natur der Alpen nicht anschauen zu müssen. Später wurden die Gäste aus dem prosperierenden England zu Pionieren des Alpinismus. Wie gross war der Einfluss des englischen Publikums auf die Gestaltung der Schweizer Hotels?

Der Einfluss des englischen Publikums war sehr gross. Die ersten bedeutenden Touristen, die wirklich die Alpen besucht haben, kamen aus England. Das erste Hotel am Genfersee-Ufer, mit schönem Blick auf den Mont Blanc, wird schon 1765 gebaut, mitten im spektakulären Kampf um die Eroberung des Mont-Blanc-Gipfels. Die einflussreichen und intelligenten Hoteliers des 19. Jahrhunderts holen ihre Gäste sogar ab. Es gibt einen regelmässigen Kutschendienst von Calais nach Genf. Die Engländer werden am Schiff abgeholt und über Paris dorthin gefahren. Genf ist das eine Einfallstor in die Schweiz, das andere - etwas zeitverschoben - wird Basel.

Von England her wurden neue Geschäftsmodelle des Reisens lanciert. Welche Gesell-schaftsschichten kamen mit den Gruppen-Arrangements von Thomas Cook in die Schweiz?

Die Mittelschicht. Thomas Cook bot einem erweiterten Kreis die Möglichkeit, in und durch die Schweiz zu reisen. Vor ihm war Reisen eine Individual Angelegenheit: Man kaufte den Reiseführer und reiste dann auf den darin vorgegebenen Routen. Thomas Cook hat eine ganz neue Dynamik und eine neue Optik ins Spiel gebracht. Er hat Reisen vorgebucht, Hotelbetten reserviert, Kontingente gekauft, und ist dann mit Gruppen durch Europa und in die Schweiz gefahren.

In der Belle Epoque der Schweizer Hotellerie wurden Gäste oft zu Dauergästen, wenn ihre finanzielle Basis dafür ausreichte. Wie lang war der Durchschnitts-Aufenthalt um die Jahrhundertwende?

Die Aufenthalte vermögender Familien dauerten oft mehrere Wochen. Heute sind es rund fünf Tage in der Schweiz, damals eher fünf Wochen. Seit etwa 1880 konnte man per Telefon oder mindestens Telegraf seinen Aufenthalt anmelden, aber viele Leute sind einfach angereist und haben dann gewartet - zum Beispiel in Luzern, bis auf dem Bürgenstock Zimmer frei wurden.

Überwogen die Stammgäste?

Das ist wirklich ein Phänomen jener Epoche. Ganze Clans oder ganze Familien, ganze Ortschaften kamen und hielten sich mehrere Wochen auf. Die Anzahl Ferientage war für diese soziale Schicht nicht beschränkt. Ferien für Arbeiter kamen erst etappenweise ab dem mittleren 20. Jahrhundert hinzu. Es waren Beamte und Lehrer, die im Sommer nicht unterrichten, es war der Mittelstand, der Apotheker oder der Arzt, der Rechtsanwalt oder der Richter. Sie waren Basis für die erste breite Entwicklung des Tourismus in der Belle Epoque des späten 19. Jahrhunderts.

 

Konzept und Stil einer Epoche: «Hotelträume» und «Hotelpaläste» in zweiter Auflage

Der Erfolg von Roland Flückigers grossformatigem Buch «Hotelträume - Zwischen Gletschern und Palmen - Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830-1920» (2001) ermöglichte nach zwei Jahren bereits die Herausgabe eines zweiten Bandes, «Hotelpaläste - Zwischen Traum und Wirklichkeit». Inzwischen liegt bereits die zweite, korrigierte Auflage beider Bände vor. Für sie wurden alle bekannten Druckfehler eliminiert, notwendige Ergänzungen in Text und Bildlegenden vorgenommen sowie die Bibliografie aktualisiert.

Verlag: hier+jetzt, Preis: je 88 Franken.
«Hotelträume», ISBN 3-906419-24-X.
«Hotelpaläste», ISBN 3-906419-68-1. KJV

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